Der chronischen Interesseninfarkt der Deutschen Kardiologischen Gesellschaft am Beispiel ESC und Master Pocket Guidelines
Wir hatten jüngst über nicht deklarierte Interessenkonflikte von kardiologischen „Experten“ beim Science Media Center und auch bei dem Präsident der Deutschen Kardiologischen Gesellschaft (DGK) berichtet. Solch wissenschaftliches Fehlverhalten ist keine Petitiesse und diese beiden vorgenannten Probleme sind willkürlich aus den Veröffentlichungen der letzten Wochen herausgegriffen worden, ältere Beispiele finden sich aber auch schon hier und hier.
Unmittelbar mit dieser fehlender Transparenz zusammen hängen aber auch die methodisch minderwertigen Leitlinien, die die DGK weiter unverdrossen propagiert und die wir uns hier unter diesem Aspekt angucken wollen:
- ESC-Leitinien: Studien zu finanziellen Interessenkonflikten bei der ESC aber auch die wiederholten Analysen von Leitlinienwatch [1][2][3] zeigen, dass sich das erschreckende Ausmaß an industriellen Verflechtungen und Interessenkonflikten nachteilig auf die Qualität dieser Leitlinien auswirkt. Doch selbst nach dem Millionen-Skandal um den ESC-Schatzmeister und Präsidenten Fox fehlt bei der ESC jegliches Problembewußtsein und auch die aktualisierten Interessenkonflikt-Regelungen stellen mangels Verbindlichkeit keinen erkennbaren Fortschritt dar.

Skurrile Vergangenheitsbewältigung: Prof. Fox war von 2006-2008 ESC-Präsident – die ESC hat ihn „unauffällig“ von ihrer Webseite entfernt. Dennoch nehmen nicht die methodisch hochwertigeren AWMF-S3-Leitlinien sondern immer noch die methodisch oft nicht mal S2-Niveau erreichenden ESC-Leitlinien bei den Publikationen der DGK die Poolposition ein. Der Arzneimittelbrief hat dies in einer aktuellen Zusammenfassung nochmals eindrucksvoll aufgearbeitet und resümiert: „Unsere Zweifel am Willen zu echten Veränderungen werden auch dadurch genährt, dass sich auf der ESC-Webseite bis Mitte Februar nichts zu diesem skandalösen Vorgang findet. Auch führt die Suche nach dem Namen des Wissenschaftlers ins Nichts – als ob er nie da gewesen wäre. Es ist längst an der Zeit, dass sich unsere Kardiologinnen und Kardiologen und die nationalen Fachgesellschaften dieser Problematik stellen und die Empfehlungen der ESC nicht mehr so kritiklos übernehmen, wie bislang. Es gibt auch andere kardiologische Leitlinien – mit besserer Methodik und ohne derartige Interessenkonflikte.“
- Die obskuren „Master-Pocket-Leitlinien“ der DGK: Als ob die ESC-Leitlinien nicht schon schlecht genug wären: Die DGK unterbietet diese methodisch sogar noch mit ihren eigenen „Master-Pocket-Leitlinien“ die maximal S1-Niveau erreichen. Schaut man sich exemplarisch die Master-Pocket-Leitlinie „Empfehlungen für die ambulante Versorgung“ an, stellt man fest, dass deren Inhalte eigentlich von der korrespondierenden S3-Leitlinie der AWMF methodisch viel hochwertiger abgedeckt werden. Die DGK-Leitlinie verschweigt aber nicht nur komplett deren Existenz und Evidenz sondern basiert komplett und ohne erkennbares Literatur-Recherchekonzept auf Statements der DGK zu … ESC-Leitlinien. Obskur sind diese Leitlinien aber auch unter anderen Aspekten, erfüllen nicht einmal die seit Jahrzehnten international anerkannten wissenschaftlichen Minimalstandards für die Leitlinienerstellung (z.B. die Kriterien der IOM/GIN): So fehlen nicht nur jeglichen Angaben zu Interessenkonflikten der Autoren, es gibt auch keinerlei Informationen über die Zusammensetzung der Leitliniengruppe geschweige denn IKs der federführenden Autoren, keinerlei Hinweise zu Abstimmungen und Enthaltungen, keine externe Beratung der Leitlinie, …. also allem was eine „Leitlinie“ eigentlich wissenschaftlich ausmacht.
Fazit: Beim DGK e.V. gibt es auch 2026 Intransparenz und fehlendes Interessenkonfliktmanagement bis in die Spitzenpositionen. Das fortgesetzte Propagieren methodisch minderwertiger Leitlinien bei weitgehendem Ausblenden der methodisch weit überlegenen AWMF-Pendants passt leider gut in den Ausstieg der DGK aus dem AWMF-Leitlinienprozess 2025. Ein erster Schritt zu mehr Transparenz wäre die Beantwortung unseres offenen Briefes an die DGK vom Herbst 2025.