Der 46. Deutsche Hypertonie Kongress: „Interessenkonflikte in allen Lebenslagen“

Anfang Dezember veranstaltet die Deutsche Hochdruckliga (DHL) unter der Schirmherrschaft der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) im exquisiten Estrel Hotel in Berlin den 46. Deutschen Hypertonie Kongress. Hypertonie bedeutet Bluthochdruck und als Volkskrankheit gibt es dabei viel Geld zu verdienen. Gegen klar deklarierte Werbeveranstaltungen oder Industriemessen haben wir von MEZIS nichts einzuwenden, da der Kongress aber mit 12 CME-Punkten von der Ärztekammer Berlin als Fortbildungsveranstaltung für Ärzt:innen zertifiziert werden soll, haben wir uns angeschaut, ob der Kongress die Voraussetzungen der Ärztekammer Berlin dafür erfüllt.

Auch diese Veranstaltung ist vergleichbar mit den beiden anderen von uns ebenfalls exemplarisch untersuchten Veranstaltungen: dem COVID-Symposium und dem DDG-Herbstkongress. Während wir bei der DDG noch auf die Beantwortung einiger Fragen bezüglich Transparenz warten, hat die Walter-Siegenthaler-Gesellschaft auf unsere Kritik hin (und wegen öffentlichen Interesses: ND,7.11.22, BSZ, 14.11.22)) erfreulicherweise die beantragte CME-Zertifizierung wieder zurückgezogen – eine Entscheidung, die wir uns auch von der Deutschen Hochdruckliga als Veranstalterin dieses Hypertoniekongresses wünschen würden – sind doch Transparenz und Neutralität nicht gewährleistet.

Unsere Kritikpunkte

In der gültigen Fortbildungsordnung und den dazugehörigen Richtlinien heißt es, dass  „[…] die Inhalte, […] die Referenten […] und der Gestaltungsrahmen“ so ausgewählt sein müssen, dass sie „dem Zweck objektiver, interessenunabhängiger ärztlicher Fortbildung dienen“ und „die Inhalte frei von wirtschaftlichen Interessen sind“.

Interessenkonflikte in der Struktur der Hochdruckliga
Die Deutsche Hochdruckliga wird in nicht näher genannter Art und Umfang von den eben den pharmazeutischen Unternehmen finanziert, die auch den Kongress finanzieren. Unklar ist, ob diese auch bei der Konzeption des Kongresses beteiligt waren.

Die Deutsche Hochdruckliga arbeitet an deutschen und europäischen Leitlinien mit, sie hat sogar eine eigene Sektion für „medikamentöse Hochdrucktherapie“ die „Empfehlungen und Richtlinien für die Arzneimitteltherapie der arteriellen Hypertonie auf der Grundlage evidenzbasierter Medizin“ erstellt. Schaut man sich stichprobenartig die Interessenkonflikte nur des Sprechers dieser Sektion an, stellt man fest, dass dieser viele und relevante Interessenkonflikte hat. Er unterhält zu quasi allen Pharma-Unternehmen, die Blutdruckmedikamente vertreiben finanzielle Beziehungen (siehe folgender Screenshot). Das mag bei den massiv interessenkonflikt-behafteten Leitlinien der europäischen kardiologischen Gesellschaft (bei denen er Mitautor ist) noch nicht zu einem Ausschluss führen, wäre aber bei der Leitlinienerstellung der deutschen AWMF ein Ausschlussgrund bei den Abstimmungen. Da es auf der Webseite der DHL keine Interessenkonflikterklärungen gibt, muß davon ausgegangen werden, dass weitere Funktionsträger der DHL mit relevanten Interessenkonflikten bei der Konzeption der Veranstaltung involviert waren.

Interessenkonflikte bei der Konzeption des Kongresses
Die 19 Sponsoren, überwiegend aus der pharmazeutischen und Medizinprodukte-Industrie, finanzieren die Veranstaltung mit mehr als 220.000 Euro.

Die Schirmherrin DGIM ist bei ihren Schirmherrschaften wenig wählerisch, obgleich die Veranstaltungen den „Anspruch der wissenschaftlichen Qualität und Unabhängigkeit bzw. Produktneutralität erfüllen“ sollen. Beispiel: Die „Prevention Academy“ wird als reine Werbeveranstaltung ganz unverblümt direkt vom Pharma-Unternehmen AMGEN als Veranstalter exklusiv mit 150.000 Euro finanziert – eines von vielen weiteren Beispielen für eine kritikwürdige DGIM-Schirmherrschaft, die übrigens nach den Grundsätzen der Bundesärztekammer auch nicht zertifizierungsfähig wäre.

Im Kongress-Programm des Hypertonie Kongresses wird deutlich, dass die zahlreichen Industriesymposien zeitlich und räumlich eng mit den eigentlich strikt davon zu trennenden CME-Fortbildungen verzahnt sind. 41 Vorträge werden direkt von der Industrie finanziert, dazu kommt noch die zusätzliche, umfangreiche Industrieausstellung. Die Fortbildungsordnung schreibt dazu: „Grundsätzlich nicht anerkennungsfähig ist eine Fortbildungsmaßnahme, bei der die Produktneutralität nicht gewährleistet ist“.

Interessenkonflikte bei den Referenten selbst
Aufgrund der strukturellen Interessenkonflikte des Veranstalters überrascht es nicht, dass Referent:innen, die während der Industriesymposien sprechen, auch Gelder von eben den Sponsoren bekommen, deren Produkt Sie bewerben. Problematisch ist es jedoch, wenn diese Referenten dann auch bei CME-Vorträgen sprechen. Ein Beispiel: Der Vorsitzende der ersten Session bekommt Gelder von eben den Sponsoren, die Produkte verkaufen, zu denen er einen Vortrag hält.

Fazit

Der hier untersuchte Hypertoniekongress ist ein weiteres Paradebeispiel für massiv interessenkonflikt-behaftete Ärzte-„Fortbildungen“. Und das Problem sind dabei nicht Kugelschreiber bei der Industrieausstellung sondern ein Veranstalter der Gelder von Pharmafirmen bekommt und dessen Funktionsträger trotz massiver Interessenkonflikte an Leitlinien mitarbeiten und derartige Veranstaltungen planen – mit Referent:innen, die wiederum massive Interessenkonflikte haben. Auch die Hochdruckliga (und die DGIM als Schirmherrin) müssen sich hier den Vorwurf gefallen lassen, den Zugang zu den Köpfen der Kolleg:innen meistbietend an die pharmazeutische Industrie zu verkaufen.

Wir haben deshalb die zertifizierende Ärztekammer Berlin auf die vorliegenden Verstöße hingewiesen, eine Pressemitteilung veröffentlicht, die DGIM und die DHL darüber informiert und die Referierenden des wissenschaftlichen Teils gebeten, sich für eine Rücknahme der CME-Zertifizierung einzusetzen – im Geiste einer objektiven und neutralen ärztlichen Fortbildungskultur.

Über neue Entwicklungen werden wir auf dieser Seite berichten.

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