Selbst bestimmt sterben

Selbst bestimmt sterben

Gian Domenico Borasio

Rezension von Thomas Lempert

Mit seinem Bestseller Über das Sterben wurde der Neurologe und Palliativmediziner Gian Domenico Borasio bekannt und zum gefragten Gesprächspartner der Medien. Mit Selbst bestimmt sterben greift Borasio die Diskussion um die Sterbehilfe auf.

Sein Kernanliegen ist es, die vielen Facetten der Selbstbestimmung im Sterben aufzuzeigen, unter denen die freie Wahl des Todeszeitpunkts nur eine und selten die wichtigste ist. Die Vielfalt der Haltungen und Wünsche Sterbender illustriert Borasio mit zahlreichen Fallgeschichten aus seiner ärztlichen Praxis. Gleichzeitig erhellt er die rechtlichen und philosophischen Hintergründe der Sterbehilfedebatte.

Quasi nebenbei enttabuisiert Borasio mit seiner flüssig-pointierten Schreibe das Reden und Nachdenken über den Tod. Seinen Standort als gläubiger Christ verschweigt er nicht und bleibt dabei immer unideologisch, humanistisch und pragmatisch. Anknüpfungspunkt zu den MEZIS Anliegen ist das Kapitel über die Gesundheitsindustrie, in dem er die gängige Übertherapie am Lebensende der bis heute lückenhaften palliativmedizinischen Versorgung gegenüberstellt. Etwa ein Drittel der Krankheitskosten fallen in Industrieländern im letzten Lebensjahr der PatientInnen an, vieles davon für unnötige Diagnostik, intensivmedizinische Behandlungen und Chemotherapie. Bei metastasierten Karzinomen führen Chemotherapien in der Regel zu einer Lebensverlängerung von zwei bis drei Monaten.

Allzu oft werden sie bis zum Lebensende fortgeführt und belasten die Sterbenden mit ihren Nebenwirkungen. Dabei zeigte eine im New England Journal of Medicine publizierte Studie, dass eine frühzeitig eingeleitete palliativmedizinische Versorgung das Leben von Patienten mit fortgeschrittenem Bronchialkarzinom in gleicher Größenordnung verlängert – bei weit besserer Lebensqualität und viel geringeren Kosten. Da man jedoch jeden Euro nur einmal ausgeben kann, führt die Überversorgung auf der einen zu einer Unterversorgung auf der anderen Seite.

Die gesetzlich garantierte spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) wird häufig von den Krankenkassen nicht bewilligt, insbesondere wenn Patienten nicht an Krebs leiden und keine technischen Geräte wie Schmerzpumpen benötigen. Dazu Borasio: „Dies verkennt die Aufgabe der Palliativmedizin als ganzheitlichen Behandlungsansatz für alle Schwerstkranken und setzt falsche Anreize in Richtung einer Technisierung des Lebensendes.“ Borasios Buch weitet den Horizont der aktuellen Debatte – es ist jedem ärztlich und pflegend Tätigen uneingeschränkt zu empfehlen.

CH Beck Verlag 2014, 27,85 €, auch als e-book, ISBN-10: 3406668623 ISBN-13: 978-3406668623