Interessenkonflikte in medizinischen Fachgesellschaften gefährden Schlaganfallpatienten

Wenn fremde Interessen in die Publikation von Fachartikeln, in das Arzt-Patienten-Verhältnis oder auch in die Entwicklung von ärztlichen Behandlungsleitlinien hineinspielen, entstehen Interessenkonflikte.

Das Thema ist in der Medizin hoch aktuell: Eine neue Behandlungsleitlinie für Ärztinnen und Ärzte wurde durch 17 Fachgesellschaften unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie mit dem Ziel veröffentlicht, das Risiko eines wiederholten Schlaganfalls zu reduzieren. MEZIS kritisiert relevante Interessenkonflikte beteiligter AutorInnen. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) stellte aufgrund nicht zu überbrückender Differenzen die Mitarbeit an der Leitlinie ein.

“Hausärztinnen und -ärzte übernehmen einen Großteil der Schlaganfall-Prävention und müssen sich nun auf andere Informationsquellen stützen”, erklärt Dr. Niklas Schurig, Vorstandsmitglied von MEZIS. „Skepsis besteht auch gegenüber den Empfehlungen zu den neuen Gerinnungshemmern (NOAK)“, führt Schurig weiter aus. Die Studienlage lässt noch keinen generellen Ersatz des etablierten Phenprocoumons (Marcumar) zu. Die Risiken einer NOAK-Behandlung im Vergleich zu Marcumar steigen jedoch durch die mangelnde Überprüfungsmöglichkeit des Gerinnungsstatus und durch das Fehlen eines Antidots, z.B. bei einer Gehirnblutung. Zudem steigen die Behandlungskosten von 0,20 EUR pro Tag auf 3,40 EUR pro Tag. Fast alle LeitlinienautorInnen haben Interessenkonflikte angegeben. Ein Interessenkonflikt behaftetes Abstimmungsverhalten lässt sich zwar im Einzelfall nicht nachweisen, da Interessenkonflikte Risikofaktoren sind und kein individuelles Fehlverhalten. Doch kommt es darauf an, Interessenkonflikte schon bei der Zusammenstellung einer Leitliniengruppe zu minimieren und die verbleibenden Mitglieder mit Interessenkonflikten bei Abstimmungen auszuschließen.

Wir planen aktuell eine an die wissenschaftlichen Fachgesellschaften gerichtete Unterschriftenaktion gegen die Interessenkonflikte bei Leitlinienautoren. Auch die Antikorruptionsorganisation Transparency International (TI) unterstützt das Anliegen. „Wir halten Interessenkonflikte von Leitlinienautoren für ein Haupteinfallstor für korruptive Einflussnahme im Gesundheitswesen“, sagt Dr. Angela Spelsberg, Mitglied der Arbeitsgruppe Gesundheitswesen bei TI Deutschland. Dagegen sollten die deutschen medizinischen Fachgesellschaften und die AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.) klare Regeln erarbeiten.

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