-
Rubrik: MEZIS deckt auf
-
Schlagwörter: Interessenkonflikte
The Lancet und die Leopoldina als nützliche Idioten der Pharmaindustrie
-
Niklas Schurig, MEZIS Vorstand
- 09.07.2026
Die Überschrift klingt nach billigem Klick-Bait, aber am Ende dieses Artikels könnten dem geneigten Leser und der geneigten Leserin ernsthaft Zweifel an der Unabhängigkeit und Wissenschaftlichkeit dieser „renommierten“ Institutionen aufkommen. Es geht um unregulierte schwere Interessenkonflikte bei Positionspapieren zu Adipositas.
Die weltweit anerkannte medizinische Zeitschrift „The Lancet“ hat Anfang 2025 ein Positionspapier zu Übergewicht/Adipositas veröffentlicht: „Definition and diagnostic criteria of clinical obesity“.[1] Wohlgemerkt, das Positionspapier stammt nicht von externen Wissenschaftler:innen, sondern von einer eigenen Lancet-Kommission, der Lancet Diabetes & Endocrinology Commission on Clinical Obesity (2025). Die Kommission hatte sich vorgenommen, eine neue Definition und neue diagnostische Kriterien für Übergewicht/Adipositas zu finden. Die Urform des BMI (Body Mass Index) ist 200 Jahre alt und seit fast 50 Jahren weltweiter WHO-Standard. Überraschend ist das Timing: Die Lancet-Kritik am BMI fällt auf den Zeitpunkt, an dem das Milliardengeschäft mit Abnehmspritzen schwächelt und die Pharmafirmen neue Patientengruppen erschließen müssen.
Es soll hier nicht um Schwachpunkte des neuen Scores, sondern um grundsätzliche Kritik an der Methodik gehen. Gleichwohl ist der BMI, wenn auch sicherlich kein allumfassendes Diagnostikwerkzeug, universell zur Abschätzung des Schweregrades robust und schnell einsetzbar. Der von der Lancet-Kommission neu vorgeschlagene Score erscheint allein schon durch die technisch aufwendige Körperfettmessung (mittels Dual-Energy X-ray Absorptiometrie) sowie 18 diagnostischen Kriterien weltweit schwerer umsetzbar.
Der Hauptkritikpunkt liegt aber in der Auswahl und Zusammensetzung dieser Lancet-Kommission.
So war es dem Lenkungsgremium, obgleich es auf der ganzen Welt nach den besten Adipositas-Expert:innen suchte, offensichtlich nicht gelungen, genügend Autorinnen und Autoren ohne Beziehungen zu Firmen zu finden, die Medikamente im Bereich Adipositas verkaufen wollten. Im Gegenteil: 40 von 56 Autor:innen erhielten Gelder von Pharmaunternehmen mit Adipositasbezug. 32 von 56 Autor:innen gaben eine Mitgliedschaft in Advisory Boards von Pharmafirmen mit Adipositasbezug an. Mindestens 6 Autor:innen (je nach Definition) gaben Aktienbesitz oder Anstellung bei Pharmafirmen mit Adipositasbezug an. Umgedreht hatten nur ca. 10 von 56 Autor:innen laut Originalpublikation keine deklarierten relevanten Interessenkonflikte angegeben (Details siehe Quellen-Anhang).
Dabei ist es anerkannter wissenschaftlicher Standard, Interessenkonflikte bei derart wichtigen Themen oder auch in Leitlinien nach Möglichkeit zu minimieren. [2,3] Im zweiten Schritt hätten nach Durchsicht der Interessenkonflikt-Erklärungen die federführenden Autor:innen, hier der eigene „Lenkungsausschuss“, dafür Sorge tragen müssen, dass je nach Risiko des Interessenkonflikts die Mitwirkung von Autor:innen an Abstimmungen und Diskussionen begrenzt wird. Im Papier unter „Auswahl der Kommissionsmitglieder“ wird behauptet: „Members of the Commission were selected […] dependent on eligibility in regard to conflicts of interest per the journal’s policies for Lancet Commissions“. Dabei werden die Lancet-eigenen Interessenkonflikt-Regulierungen aber offensichtlich ignoriert, denn dort steht: „We avoid commissioning from those with substantial financial interests […]“.[4]
Selbst wenn man die Annahme von Geldern von Pharmafirmen beispielsweise für Vorträge noch als mittleres Risiko bei Autor:innen einschätzt: Aktienbesitz oder gar die Tätigkeit für eine solche Firma werden allgemein als hohes Risiko eingeschätzt. Vielleicht wurden diese wissenschaftlichen Standards auch deshalb nicht umgesetzt, weil alle 8 Mitglieder des Lancet Steering Committee (Lenkungsausschuss) finanzielle Verbindungen zu Pharmaunternehmen hatten?
Unsere Nachfrage beim federführenden Autor zu obigen methodischen Fragen blieb bis heute (09.07.2026) unbeantwortet.
Passend zur Einführung teurer Abnehmpräparate wird ein fast 50 Jahre alter etablierter Standard zur Abschätzung der Adipositas von einem massiv Industrie-finanzierten Kommissionspapier kritisiert. Zudem fordert das Papier, anhand eines komplexen Scores bereits „präklinische Adipositas“ bei möglichst vielen (noch) gesunden Menschen zu diagnostizieren und auch ggf. medikamentös zu behandeln. Ob gewollt oder ungewollt folgt das Lancet-Positionspapier damit „just in time“ der altbekannten Marketingstrategie der Pharmaindustrie durch Ausweitung der Definition von Adipositas möglichst viele neue Abnehmer für ihre Präparate zu generieren.
[1] https://www.thelancet.com/commissions-do/clinical-obesity
[2] Guidelines International Network: Principles for Disclosure of Interests and Management of Conflicts in Guidelines, 2015
[3] Institute of Medicine, Clinical Practice Guidelines We Can Trust, 2011 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK209537/
[4] https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(03)12184-8/abstract
Basierend auf den Transparenzangaben der Lancet Diabetes & Endocrinology Commission (März 2025) zur „Definition and diagnostic criteria of clinical obesity“:
| Kategorie | Anzahl Autoren | Hinweise |
|---|---|---|
| Gelder von Pharmaunternehmen mit Adipositasbezug | ca. 40 von 56 | Forschungszuschüsse, Beratungs- oder Vortragshonorare von Unternehmen wie Novo Nordisk, Eli Lilly, Boehringer Ingelheim, AstraZeneca, Pfizer, Amgen, Medtronic, Johnson & Johnson, Sanofi, MSD/Merck, Novartis, Rhythm Pharmaceuticals u. a. |
| Mitgliedschaft in Advisory Boards von Pharmafirmen mit Adipositasbezug | ca. 32 von 56 | U. a. Novo Nordisk, Eli Lilly, Boehringer Ingelheim, AstraZeneca, Pfizer, Medtronic, Johnson & Johnson, Rhythm Pharmaceuticals, Sanofi, MSD, Novartis, Amgen, Abbott, Takeda, Daiichi Sankyo, Zealand Pharma, Altimmune, Regeneron, Alnylam, Carmot/Roche, Fractyl, GI Dynamics, Allurion, Gelesis, Glyscend, Kallyope, Neurogastrx, Structure Therapeutics, Invversago, Epitomee, Gila, Keyron, Persona, Mediflix, Currax, Herbalife, USV, Lupin, Eurodrug, iNova, Adamed, Promed, Bausch Health, AstraZeneca, Abbott Nutrition, Nestlé Health Science, Reshape Lifescience, Taisho, Mitsubishi Tanabe, Teijin, Sumitomo, Nippon Boehringer, ELPEN, Pharmaserve–Lilly, Energesis, Amway, Kintai, YSOPIA, CINFINA, Optum Health, Perspectum, Sidekick Health, Xeno Biosciences, Beyond BMI |
| Aktienbesitz oder Anstellung bei Pharmafirmen mit Adipositasbezug | ca. 6–8 von 56 | Dazu zählen z. B. direkte Aktienbesitzverhältnisse, Anstellungen oder Führungspositionen in Unternehmen wie Rhythm Pharmaceuticals, Fractyl, GI Dynamics, Allurion, Gelesis, Beyond BMI, Neurogastrx, Kallyope, Glyscend, Structure Therapeutics, Carmot/Roche, Invversago, Epitomee, Gila, Keyron, Mediflix, Currax, Reshape Lifescience, Optum Health, Perspectum, Sidekick Health, Xeno Biosciences sowie teilweise Beteiligungen an Start-ups oder Beratungsfirmen im Adipositas-/Diabetes-Bereich |
| Keine anmeldepflichtigen Interessenkonflikte | ca. 10–12 von 56 | Laut Originalpublikation keine deklarierten finanziellen Beziehungen zu relevanten Unternehmen |
Ähnlich kritikwürdig ist der Umgang unserer deutschen wissenschaftlichen Höchstinstanz, der Leopoldina, mit unregulierten Interessenkonflikten. Diese veröffentlichte am 5. Januar 2026 ein Expertenpapier: „Leopoldina FOKUS: Prävention stärken & neue Therapieansätze nutzen: Wie lässt sich die Adipositas-Epidemie eindämmen?“.[1] Die Autor:innen schrieben darin, dass „pharmakologische Ansätze einen erheblichen Fortschritt in der Therapie der Adipositas darstellen. Besonders hervorzuheben sind sogenannte Inkretin-Mimetika […]“, und sie fordern „…Eine Anpassung der Gesetzgebung ist dringend erforderlich, um moderne Adipositas-Medikamente für Personen mit Adipositas zugänglich zu machen.“[1]
In der Gruppe der 16 Verfasser:innen dieser Publikation finden sich bei mindestens 25 % relevante Interessenkonflikte (definiert als mindestens bezahlter Redner:in und/oder Advisory-Board-Tätigkeit bei einer Firma, die Inkretin-Mimetika vertreibt), siehe Anhang. In ihren eigenen Regelungen zum Umgang mit Interessenkonflikten definiert die Leopoldina „zwingende Ausschlussgründe“, wenn „eigene finanzielle Interessen […] durch die Beratungstätigkeit der Leopoldina berührt sind. Bei Vorliegen eines zwingenden Ausschlussgrundes ist die Mitwirkung dieser Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der konkreten Beratungstätigkeit ohne Ausnahmemöglichkeit ausgeschlossen.“[2]
Wir hatten der Leopoldina deshalb folgende Fragen gestellt:
- Wie ist „finanzielles Interesse“ als relativer/zwingender Ausschlussgrund konkret definiert? Gibt es eine Untergrenze?
- Wer hat warum entschieden, dass bei den genannten Autor:innen kein relativer oder zwingender Ausschlussgrund vorlag?
Bis zum heutigen Tag (09.07.2026) konnte uns der zuständige stellvertretende Abteilungsleiter diese Fragen nicht schlüssig beantworten – obgleich die Antwort einfach erscheint.
Es ist erschreckend, wenn selbst renommierte medizinische Journals und Institutionen grundlegende wissenschaftliche Standards ignorieren und dadurch gerade bei relevanten Fragestellungen keine methodisch hochwertigen Antworten liefern können. Durch unregulierte, teils schwere Interessenkonflikte ihrer Expert:innen setzen sie sich damit der Kritik aus, nützliche Idioten einer mächtigen Pharmaindustrie zu sein.
[1] „Leopoldina FOKUS: Prävention stärken & neue Therapieansätze nutzen: Wie lässt sich die Adipositas-Epidemie eindämmen?“, 5.1.2026
https://www.leopoldina.org/fileadmin/Daten/Publikationen/Dokumente/2026_Leopoldina_FOKUS_Adipositas.pdf
[2] „Regeln für den Umgang mit Interessenkonflikten in der wissenschaftsbasierten Beratungstätigkeit der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina“
https://www.leopoldina.org/fileadmin/user_upload/Dokumente/2021_Leopoldina_Regeln_f%C3%BCr_den_Umgang_mit_Interessenkonflikten.pdf
Beispiel Autor 1: Prof. Dr. Michael Roden ML:
„Michael Roden has participated in consulting for and/or scientific advisory boards of BMS, Boehringer Ingelheim Pharma, Echosens, Eli Lilly, Madrigal, MSD, Novo Nordisk, as well as in clinical trials supported by Boehringer Ingelheim, Novo Nordisk, and Nutricia/Danone.“
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38851997/
Beispiel Autor 2: Prof. Dr. med. Dr. h.c. Matthias H. Tschöp ML:
„MHT declares participation in a scientific advisory board meeting of ERX Pharmaceuticals (Cambridge, MA, USA) in 2019; was a member of the Research Cluster Advisory Panel of the Novo Nordisk Foundation between 2017 and 2019; funding for research projects from Novo Nordisk (2016–20) and Sanofi-Aventis (2012–19); consulted twice for Boehringer Ingelheim (2020 and 2021); delivered scientific lectures for Sanofi-Aventis (2020), Boehringer Ingelheim (2024), and AstraZeneca (2024); is cofounder of the biotech startups Ghrelco and Bluewater Biotech (2024); is chief executive officer and chief scientific officer of Helmholtz Munich, and is co-responsible for countless collaborations of the employees with a multitude of companies and institutions worldwide (in this capacity, discusses potential projects with and signs contracts for the centres institutes related to research collaborations worldwide, including, but not limited to, pharmaceutical corporations such as Boehringer Ingelheim, Novo Nordisk, Roche Diagnostics, Arbormed, Eli Lilly, and SCG Cell Therapy, and as chief scientific officer is responsible for commercial technology transfer activities); and is a former member of the scientific advisory board of ERX, which is developing the drug celastrol, but has no current competing interests.“
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39824205/
Beispiel Autor 3: Prof. Dr. Matthias Blüher:
„MB received honoraria as a consultant and speaker from Amgen, AstraZeneca, Bayer, Boehringer-Ingelheim, Daiichi-Sankyo, Lilly, Novo Nordisk, Novartis, Pfizer and Sanofi.“
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40024571/
Beispiel Autor 4 : Prof. Dr. med. Antje Körner:
„Antje Körner received advisory board and speaker honorarium from Novo Nordisk.“
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/oby.23808
Neueste Beiträge
-
The Lancet und die Leopoldina als nützliche Idioten der Pharmaindustrie
-
Der chronische Interesseninfarkt der Deutschen Kardiologischen Gesellschaft am Beispiel ESC und Master Pocket Guidelines
-
Täglich grüßt das Murmeltier: Interessenkonflikte bei der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie e.V.
-
„Statine sind harmlos“ – sagen zumindest von der Pharmaindustrie bezahlte Experten beim Science Media Center
-
Angsterzeugende Laienwerbung und das Forum Impfen