Deadly Medicines and Organised Crime

Deadly Medicines and Organised Crime

How Big Pharma has corrupted Health Care | Peter Gøtsche

„Drugs are the third leading cause of death after heart disease and cancer“.

Rezension von Asmus Finzen

„Ärzte sind wie andre Menschen; sie haben keine Ehre und kein Gewissen.“ Diese Schmähkritik in George Bernhard Shaws „Vorrede über die Ärzte“ von mehr als 100 Jahren ist gewiss ungerecht. Damals konnte er noch nicht schreiben: „Große Pharmakonzerne sind wie andere Multis; sie haben keine Ehre und kein Gewissen. Immer wenn es um Hunderte von Milionen Euros oder Dollar geht, wie im Gesundheitswesen oder eben in der Pharmaindustrie, sind Altruismus und ethische Prinzipien Traumtänzereien. Wenn es um sehr viel Geld geht, sind Korruption, Betrügereien, Manipulationen, verbotene Absprachen und organisierte Kriminalität an der Tagesordnung. Wir beobachten sie täglich bei angesehenen Industriekonzernen, weltumspannenden Handelsunternehmungen, sowie ehemals honorigen Banken und weniger honorigen Investmentgesellschaften.

Allzu lange haben wir die Illusion gehätschelt, dass unsere „freundliche Pharmaindustrie“ da anders ist. Wir machen uns vor, dass sie ihren Hippokrates gelesen und das Wohl der Kranken im Auge hat, – nicht die Gewinnmarge von 25 %. Gewiss haben wir das auch getan, weil wir dieser Branche in unserer Biographie und in unserm Alltag häufig allzu nahe gekommen sind. Wir lassen – immer noch – unsere Fachzeitschriften, unsere Kongresse, unsere Fortbildung und unsere Forschungen allzu oft von der Industrie unterstützen, weil es ja schon immer so gewesen ist, weil es anders nicht gehe, anders nicht finanzierbar sei. Im Grunde unseres Herzens und unseres Hirns aber wissen wir, dass wir uns so der Perpetuierung eines korrumpierten Systems mitschuldig machen.

Wie die Mafia

Der ausgestiegene Ex-Vizepräsident eines weltweit agierenden Pharmakonzerns ist gewiss nicht der erste, der den Vergleich von „Big Pharma“ und Mafia gemacht hat: „Es ist beängstigend, wie große Ähnlichkeiten zwischen dieser Branche und dem Mob bestehen. Der Mob generierte obszöne Gewinne, wie diese Industrie. Die Nebenwirkungen organisierten Verbrechens sind Mord und Todschlag. Die Nebenwirkungen dieser Industrie sind das auch. Der Mob besticht Politiker und andere Menschen. Die Pharmaindustrie tut das auch.“ (Richard Smith, Alt-Herausgeber des British Medical Journal (2013) im Vorwort zu dem hier besprochenen Buch).

Wir sind geneigt auszurufen, das kann doch nicht wahr sein! Zumindest muss es maßlos übertrieben sein! Wirklich? Es fällt auf, dass im vergangenen Jahrzehnt eine ganze Reihe von fundamental kritischen Büchern von AutorInnen erschienen sind, die sich über lange Berufsjahre von jeglicher Radikalität ferngehalten haben. David Healys Geschichte der Psychopharmakologie (2002) kommt im Verhältnis dazu noch relativ harmlos daher. Richard Smiths (2006) Monographie über die Korrumpierung medizinischer Fachzeitschriften und Jerome Kassirers (2005) über die Komplizenschaft von Medizin und Big Pharma tun das ebensowenig wie Marcia Angel (2004) in ihrem Buch mit dem Anspruch, die „Wahrheit über die Pharmakonzerne“ zu berichten: „Wie sie uns betrügen; und was wir dagegen tun können“. Angel und Kassirer waren langjährige Herausgeber des angesehenen New England Journal of Medicine.

2010 ist das pharmakritische Buch des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Robert Whitaker dazugekommen. 2013 Joanna Moncrieffs Monographie „The Bitterest Pills: The Troubling Story of Antipsychotic Drugs“ und das Buch des Kopenhagener Wissenschaftlers Peter Götzsche darüber, wie „Big Pharma das Gesundheitswesen korrumpiert“ – das Gegenstand dieser Rezension ist. Es ist kein Zufall, dass die Psychiatrie in allen diesen Büchern eine zentrale Rolle spielt: für Götzsche, der als Mitbegründer der Cochrane Collaboration in Skandinavien gut ausgewiesen ist, ist sie das „Paradies der Pharmaindustrie“. Auf die Psychiatrie werde ich mich im folgenden konzentrieren – nicht nur, weil ich mich auskenne, sondern auch weil das Buch auf seinen 310 eng bedruckten Seiten eine solche Fülle von Material enthält, dass man ein eigenes schreiben müsste, um es umfassend zu rezensieren.

Milliardenstrafen: „Hall of Shame“

Man könnte meinen, Götzsche trägt dick auf, wenn er im Zusammenhang mit der Pharmaindustrie vom „organisierten Verbrechen“ spricht. Er führt zahlreiche Argumente dafür an, über die man teilweise trefflich streiten kann. Man muss aber nicht ins Detail gehen; denn es gibt harte Daten, die nicht wegzudiskutieren sind. Götzsche präsentiert sie in einer „Hall of Shame for Big Pharma“ (S. 28-32). Es handelt sich dabei eine Liste der Geldbußen, die die zehn grössten in den USA tätigen Pharmakonzerne nach Anschuldigungen durch das US-Justizministerium im letzten Jahrzehnt gezahlt haben, um weiterer Strafverfolgung zu entgehen:

– Pfizer 2009 2,3 Milliarden Dollar
– Novartis 2010 423.000.000 Dollar
– Sanofi-Aventis 2009 95.000.000 Dollar
– GlaxoSmithKline 2011 3 Milliarden Dollar
– AstraZenca 2010 520.000.000 Dollar
– Hoffmann-La-Roche Ende der 90er 500.000.000 Dollar (Vitaminkartell)
– Johnson & Johnson 2012 1, 1 Milliarden Dollar
– Merck 2000 670.000.000 Dollar
– Eli Lilly 2009 1,4 Milliarden
– Abbott 2012 1,5 Milliarden Dollar

In den meisten dieser Fälle ging es um Psychopharmaka oder Antiepileptika. Die konkreten Vorwürfe reichten von Betrug über verbotene Marketing-Aktivitäten bis zur verbotenen Off-Label-Werbung zum Vertrieb von nicht zugelassenen Medikamenten unter anderem bei Kindern und Alzheimer-Kranken. Jenseits dieser Vorkommnisse bei den10 größten Konzernen haben zahlreiche weitere Unternehmen Vergleichen mit Geldbußen geschlossen, die zusammen einen hohen einstelligen Milliardenbetrag ausmachen.

Von interessierter Seite wird immer wieder behauptet, dies habe sich längst gebessert, seit die Behörden eingegriffen hätten. Das aber trifft nicht zu, schreibt Götzsche: Von 165 Strafzahlungen über insgesamt 20.000.000.000 Dollar während der letzten 20 bis 2010 Jahre wurden 15 Milliarden in letzten fünf Jahren geleistet. In den 21 Monaten danach bis Juli 2012 erfolgten weitere 10 Milliarden Dollar an Strafzahlungen (S. 37-39). Angesichts solcher Dimensionen kann man gut verstehen, dass nicht nur vereinzelte Kritiker von mafiösen Verstrickungen sprechen.

Organisierte Manipulation und Korruption

Götsches Liste der Verfehlungen ist so lang, dass man sie im Rahmen einer Rezension allenfalls aufzählen kann: Manipulation klinischer Studien; zweifelhafte wirtschaftliche Interessenkonflikte wissenschaftlicher Zeitschriften und ihrer Herausgeber; korrupte Praktiken wie direkte Geldzahlungenan ÄrztInnen und WissenschaftlerInnen; versteckte Geldzahlungen an viele tausend ÄrztInnen, die angeblich als BeraterInnen fungieren; Ghostwriting: Erstellung wissenschaftlicher Studien durch VertreterInnen von Pharmaunternehmen, aber unter dem Namen renommierter WissenschaftlerInnen; unangemessen hohe Vortragshonorare für meinungsbildende ÄrztInnen und WissenschaftlerInnen (Miet-Mäuler); überteuerte angeblich neuartige Medikamente; Inkompetenz und Impotenz von Zulassungs- und Regulierungsbehörden. Destruktive politische Einflüsse; Akzeptanz von unzureichend oder inkompetent durchgeführten klinischen Studien für die Zulassung; Verweigerung der Einsicht in die Unterlagen sowohl von Regulierungsbehörden wie von Pharmakonzernen; verschweigen von negativen Ergebnissen; wirtschaftliche Umgarnung von PatientInnenorganisationen, Ärzteverbänden, wissenschaftlichen Zeitschriften und JournalistInnen; Anwendung von Tricks zur Patentschutzverlängerung; Einschüchterungen, Bedrohungen und Überziehung mit gerichtlichen Klagen von kritischen ÄrztInnen und WissenschaftlerInnen und vieles andere mehr.

Ein schockierendes Buch

Götzsches Buch schockiert. Streckenweise kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er im Eifer des Gefechts den Überblick verliert. Aber im Großen und Ganzen kann man nicht bestreiten: er hat recht! Die Realität der Pharmaindustrie ist mehr als beängstigend; das Verhältnis der Medizin zu diesem pharmakologisch-industriellen Komplex ist es auch. Nüchtern betrachtet kann man nicht so naiv sein, zu erwarten, dass eine Industrie, die Hunderte von Millionen Dollar/Euro jährlich umsetzt, in erster Linie das Wohl der Kranken im Auge hat. Es geht ihr nicht um Menschenfreundlichkeit sondern um Gewinn. Man sollte auch nicht so naiv sein, zu glauben, die Pharmaindustrie sei die geborene Freundin der ÄrztInnen.

Sie ist freundlich zu uns; sie hofiert uns. Sie finanziert unsere Fortbildung und unter bestimmten Bedingungen unsere Forschung. Aber vor allem will sie uns ihre Präparate verkaufen. Sie ist nicht mehr so plump dabei wie vor 20 Jahren. Aber auch subtiles Korrumpieren lässt uns am Ende selber korrupt dastehen. Wenn wir daran etwas ändern wollen, müssen wir die harten Realitäten begreifen. Unsere PatientInnen und wir sind nicht die FreundInnen der Pharmaindustrie. Wir sind ihre Kunden. Und als Kunden haben wir Macht und Einfluss, wenn wir beide nutzen. Wir sind unseren Patienten verpflichtet, die Industrie ihren Shareholdern. Entsprechend müssen wir uns verhalten. Es mag, utopisch erscheinen, das zu fordern. Aber das zu tun, wäre ein erster Schritt aus der korrumpierenden Beziehung zwischen Ärzten und Industrie. Damit wird das Gesundheitswesen nicht gesund. Es gibt noch andere Spieler im System, für die eigenen wirtschaftlichen Interessen im Vordergrund stehen. Aber es wäre ein erster gewaltiger Schritt. Auf dem Wege dahin hat Götzsche mit seinem Buch einen wichtigen Beitrag geleistet.

Radcliffe Publishing 2013, 31,91 EUR, ISBN 978-190891-112-4