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Wie Amerika den Rest der Welt verrückt macht | Ethan Watters

In den letzten Jahrzehnten haben AmerikanerInnen die ganze Welt mit ihren Rezepten zur Behandlung von psychischen Erkrankungen überschwemmt. Das Buch beschreibt, wie ihre therapeutische Mission den Rest der Welt verrückt macht. Die amerikanischen Versionen von Depression, Posttraumatischer Belastungsstörung oder Essstörungen verbreiten sich so schnell wie ansteckende Krankheiten.

Um diese globale Entwicklung und deren Auswirkungen auf den menschlichen Alltag aufzuzeigen, erzählt Watters die Entstehungsgeschichten von vier Krankheiten in vier verschiedenen Ländern. Er dokumentiert jeweils spezifische Einzelfälle und kombiniert diese mit den Einschätzungen interkulturell tätiger ForscherInnen und AnthropologInnen. Seine Reisen führen ihn nach Sansibar, wo der Glaube an dämonische Besessenheit nach und nach durch biomedizinische Vorstellungen psychischer Erkrankungen ersetzt wird, und beschreibt, wie zwei Familien mit ihren betroffenen Angehörigen damit umgehen. Anhand des Schicksals einer Vierzehnjährigen in Hongkong zeichnet er den Aufstieg der „Krankheit Anorexie“ in Hongkong nach, die dort bis vor einigen Jahren noch gänzlich unbekannt war. Auf Sri Lanka erfährt er bei seinen Recherchen, wie nach der Tsunamikatastrophe 2004 aus der ganzen westlichen Welt TherapeutInnen herbeieilten, um sich um die vielen leidenden Menschen zu kümmern. Sie waren ausgerüstet mit ihrem Verständnis über die Folgen von Traumata auf die menschliche Psyche und wie damit umzugehen sei.

Die einheimische Bevölkerung kannte bis dato die Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“ nicht. Sie hatte ihre eigenen Methoden, mit Schicksalsschlägen umzugehen, doch diese wurden in den meisten Fällen völlig ignoriert oder als rückständig betrachtet. Die letzte Reise führt Watters nach Japan. Er beschreibt sehr eindrücklich und auf erschreckende Weise, wie psychiatrische Diagnosen von Pharmaunternehmen gezielt am Markt platziert werden, um den Absatz ihrer Produkte in die Höhe zu treiben, in diesem Falle den des Antidepressivums Paxil.

Watters beschreibt, wie wir aus dem Globalen Norden mit unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen über psychische Erkrankungen und den Marktinteressen unserer Unternehmen noch die letzten Winkel auf der Welt kolonisieren, indem wir ihnen die Segnungen unserer Medizin und Psychotherapie zu teil werden lassen, so hält er uns als in diesem Bereich Tätige den Spiegel vor.

Tübingen: dgvt-Verlag, 2016, 238 Seiten, 19,99 Euro | ISBN 978-3-87159-222-5
als E-Book, 17,99 Euro, ISBN 978-3-87159-400-7

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