Unsinn Vorsorgemedizin

Krebsfrüherkennung nutzt nur einem verschwindend kleinen Teil der Menschen. Denn es handelt sich nicht – wie landläufig gemeint – um eine Vorsorge, die Krebs verhindert, sondern lediglich um eine Vorverlegung einer fraglichen Krebsdiagnose. Bei den allermeisten „Vorsorgen“ werden aber viele komplett Gesunde zu OP-PatientInnen – bei der Hautkrebsfrüherkennung – die wahrscheinlich nicht ein einziges Leben rettet – etwa mit dem Faktor 50. Die wirklich Krebsbetroffenen erfahren von ihrem Krebs einfach nur früher und leben dann zuallermeist keinen Tag länger: Sie sind einfach nur länger Krebspatienten. Zusammen mit den vielen „gesunden Kranken“ ein Riesenmarktsegment in der Medizin.
Der mögliche Schaden und die Unsicherheiten der verschiedenen medizinischen Maßnahmen werden allzu oft beschönigt dargestellt. Als Beispiele werden im Buch etwa genannt:

Hautkrebs
Gut Untersucht ist die Hautkrebsfrüherkennung, von der seit letztem Jahr in den USA wegen „Unwirksamkeit“ abgeraten wird. Wenn überhaupt, müssten 100.000 Patienten untersucht werden, um evtl. einen schwarzen Hautkrebs zu verhindern- aber selbst das ist unsicher. Sicher dagegen ist, dass etwa 5000 Gesunde operiert werden, die niemals an Hautkrebs gestorben wären. Operationskomplikationen oder die psychischen Folgen einer „Krebsdiagnose“ werden nicht erfasst.
Deutschland ist das einzige Land mit einem allgemeinen Hautkrebsscreening, selbst das Hochrisikoland Australien rät davon ab. Mehr noch, die Auswertung eines Krebsregisters erbrachte das Ergebnis, dass es seit Einführung der Reihenuntersuchung zu einer Zunahme der Sterblichkeit kam.
Als das Fernsehmagazin Kontraste auf diese Probleme am 16.04.2015 hinwies, wurde das Team mit einer Unterlassungsklage der Berufsverbände belegt. Diese scheiterte.

Eierstockkrebs und Schilddrüsenkrebs
Das routinemäßige Checken der Eierstöcke und der Schilddrüse hat keinen Nutzen, dies ist wissenschaftlich belegt. Es gibt nicht weniger Todesfälle, aber massenhaft falsche Verdachtsbefunde und unnötige Therapien. Gesunde werden zu KrebspatientInnen, obwohl sich ein Krebs zeitlebens nicht bemerkbar gemacht hätte, eine klare Übertherapie. Sie präsentieren sich als Erfolge der Medizin. Ist die Behandlung überstanden, erscheinen die Patienten als geheilt. Dies haben die Krankenkassen entdeckt und zahlen die Untersuchung nicht mit der Folge, dass diese Untersuchungen vielfach als Igel-Leistungen gepriesen und vom Patienten dann auch noch selber bezahlt werden müssen.

Brustkrebs
Etwa 70 Prozent der Frauen glauben irrtümlicherweise, dass Früherkennung schütze vor Brustkrebs. Das ist natürlich falsch, richtig ist, dass Brustkrebs früher erkannt wird und damit die Sterblichkeit an diesem nur um Sieben Zehntausenstel sinkt. Wiederum nahm die Zahl der Diagnosen und unnötigen Operationen dramatisch zu.
Es wird die Gier und Gewinnsucht der ÄrztInnen beklagt, die durch diese Untersuchungen den Menschen schaden, durch falsche Diagnosen und unnötige Behandlungen. Zwei kanadische Studien haben übrigens keinen Nutzen des Screenings nachweisen können. Es gab nicht weniger Todesfälle an Brustkrebs, jedoch eine deutliche und anhaltende Zunahme an Brustkrebsdiagnosen, medizinischen Eingriffen zur Abklärung von Verdachtsbefunden und unnötigen Operationen.

Gebärmutterhalskrebs
Auch hier ist Deutschland in der Suche Weltmeister. Trotzdem sterben in Deutschland vergleichsweise mehr Frauen an Gebärmutterhalskrebs als in Finnland, obgleich hierzulande jährlich an die 100.000 Operationen zur Entfernung von Krebsvorstufen erfolgen. Folge ist nicht die Krebsvermeidung, sondern das Risiko der meist jüngeren Patientinnen, bei einer Schwangerschaft eine Frühgeburt zu erleiden.
Die LobbyistInnen haben sich offenbar auch hier gegen die Wissenschaft durchgesetzt, zum Lasten der Frauen und möglicherweise unser Kinder.

Prof. Mühlhauser greift auch außerhalb von Krebs viel Vorsorgemedizin an, wie die wenig hilfreiche Zahnvorsorge, die Absenkung von Normwerten, die Erfindung von Krankheiten, Scheinstudien bzw. Anwendungsbeobachtungen, Gesundheitschecks, Ernährungsempfehlungen, Vitamine und vieles weitere. Prof. Mühlhauser schreibt dann auch fast selbstwarnend: „Wer das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient untergräbt, gilt als Unruhestifter. Ist doch das blinde Vertrauen in den Arzt die Grundlage dieses Geschäftsmodells.
Das Buch leistet einen wertvollen Beitrag zur Aufklärung über die Vorsorgemedizin – blindes Vertrauen in viele Empfehlungen ist nicht hilfreich. Das Buch ist gut zu lesen, interessant geschrieben. Ihm ist eine weite Verbreitung zu wünschen.

Die Rezension hat Matthias Thöns verfasst.

Rowohlt Verlag Reinbek 2017, 9,99 €, ISBN-10: 3499632551