The Lancet und die Leopoldina als nützliche Idioten der Pharmaindustrie
Die Überschrift klingt nach billigem Klick-Bait aber am Ende dieses Artikels könnten dem geneigten Leser ernsthaft Zweifel an der Unabhängigkeit und Wissenschaftlichkeit dieser „renommierten“ Institutionen aufkommen. Es geht um unregulierte schwere Interessenkonflikte bei Positionspapieren zu Adipositas.
The Lancet
Die medizinische Zeitschrift „The Lancet“, weltweit anerkannt in der Fachwelt, hat Anfang 2025 ein Positionspapier zu Übergewicht/Adipositas veröffentlicht: „Definition and diagnostic criteria of clinical obesity„[1] . Wohl gemerkt nicht von externen Wissenschaftlern sondern von einer eigenen Lancet-Kommission, der Lancet Diabetes & Endocrinology Commission on Clinical Obesity (2025). Die Kommision hatte sich nichts Geringeres vorgenommen, als eine neue Definition und neue diagnostischen Kriterien für Übergewicht/Adipositas zu finden. Das überrascht, ist doch die Urform des BMI (Body Mass Index) 200 Jahre alt und seit fast 50 Jahren weltweiter WHO-Standard. Noch überraschender ist aber das Timing: Die Lancet-Kritik am BMI fällt just auf den Zeitpunkt, an dem das fette Milliardengeschäft mit Abnehmspritzen schwächelt und die Pharmafirmen neue Patientengruppen erschließen müssen.
Obwohl es hier nicht um Schwachpunkte des neuen Score sondern grundsätzliche Kritik an der Methodik gehen soll: Auch wenn der BMI sicherlich kein allumfassendes Diagnostikwerkzeug darstellt, ist er doch universell zur Abschätzung des Schweregades robust und schnell einsetzbar. Der von der Lancet-Kommission neu vorgeschlagene Score erscheint alleine schon durch die technisch aufwendige Körperfettmessung (mittels Dual-Energy-X-ray-Absorptiometrie) ) sowie 18 diagnostische Kriterien weltweit schwer umsetzbar.
Der Hauptkritikpunkt liegt aber an der Auswahl und Zusammensetzung dieser Lancet-Kommission.
So war es dem Lenkungsgremium, obgleich es auf er ganzen Welt nach den besten Adipositas-Experten suchte, offensichtlich nicht gelungen, genügend Autoren ohne Beziehungen zu Firmen zu finden, die keine Medikamente im Bereich Adipositas verkaufen wollten. Im Gegenteil: 40 von 56 Autoren erhielten Gelder von Pharmaunternehmen mit Adipositasbezug. 32 von 56 Autoren gaben eine Mitgliedschaft in Advisory Boards von Pharmafirmen mit Adipositasbezug an. Mindestens 6 Autoren (je nach Definition) gaben Aktienbesitz oder Anstellung bei Pharmafirmen mit Adipositasbezug an. Umgedreht hatten nur ca.10 von 56 Autoren laut Originalpublikation keine deklarierten relevanten Interessenkonflikte angegeben (Details siehe Quellen-Anhang).
Dabei ist es anerkannter wissenschaftlicher Standard, Interessenkonflikte bei derart wichtigen Themen oder auch in Leitlinien nach Möglichkeit zu minimieren [2,3]. Trotz weltweiter Rekrutierungsoptionen gelang dies den Verantwortlichen offensichtlich nicht. Im zweiten Schritt hätten nach Durchsicht der Interessenkonflikt-Erklärungen die federführenden Autoren, hier der eigene „Lenkungsausschuß“ zumindest dafür Sorge tragen müssen, dass je nach Risiko des Interessenkonflikts die Mitwirkung von Autoren an Abstimmungen und Diskussionen begrenzt wird. Im Papier unter „Auswahl der Kommissionsmitglieder“ wird behauptet: „Members of the Commission were selected […] dependent on eligibility in regard to conflicts of interest per the journal’s policies for Lancet Commissions„. Dabei werden Lancet-eigenen Interessenkonflikte-Regulierungen aber offensichtlich ignoriert, denn dort steht: „We avoid commissioning from those with substantial financial interests […]„[4].
Selbst wenn man die Annahme von Geldern von Pharmafirmen für z.B Vorträge noch als mittleres Risiko bei Autoren einschätzt: Aktienbesitz oder gar die Tätigkeit für eine solche Firma werden allgemein als hohes Risiko eingeschätzt. Vielleicht wurden diese wissenschaftlichen Standards auch deshalb nicht umgesetzt, weil alle 8 Mitglieder des Lancet Steering Committee (Lenkungsausschuss) finanzielle Verbindungen zu Pharmaunternehmen hatten?
Unsere Nachfrage beim federführenden Autor zu obigen methodischen Fragen blieb bis heute (20.7.26) unbeantwortet.
Fazit: Passend zur Einführung teurer Abnehmpräparate wird ein fast 50 Jahre alter etablierter Standard zur Abschätzung der Adipositas von einem massiv Industrie finanzierten Kommissionspapier kritisiert. Zudem fordert das Papier, anhand eines komplexen Scores bereits“präklinische Adipositas“ bei möglichste vielen (noch) gesunden Menschen zu diagnostizieren und auch ggf. medikamentös zu behandeln. Ob gewollt oder ungewollt folgt das Lancet-Positionspapier damit „just in time“ der altbekannten Marketingstrategie der Pharmaindustrie durch Ausweitung der Definition von Adipositas möglichst viele neue Abnehmer für ihre Präparate zu generieren.
Leopoldina
Ähnlich kritikwürdig ist der Umgang unserer deutschen wissenschaftlichen Höchstinstanz der Leopoldina mit unregulierten Interessenkonflikten. Diese veröffentlichte im Januar 2026 ein Expertenpapier: „Leopoldina FOKUS: Prävention stärken & neue Therapieansätze nutzen: Wie lässt sich die Adipositas-Epidemie eindämmen?“ [1] vom 05.01.2026. Die Autoren schrieben dort, dass „pharmakologische Ansätze einen erheblichen Fortschritt in der Therapie der Adipositas darstellen. Besonders hervorzuheben sind sogenannte Inkretin-Mimetika […]“ und diese fordern: „Eine Anpassung der Gesetzgebung ist dringend erforderlich, um moderne Adipositas-Medikamente für Personen mit Adipositas zugänglich zu machen.„[1] In der Gruppe der 16 Verfasser dieser Publikation finden sich bei mindestens 25% der Autoren relevante Interessenkonflikte (definiert als mindestens bezahlter Redner und/oder Advisory Board-Tätigkeit bei einer Firma die Inkretin-Mimetika vertreibt), siehe Anhang. In ihren eigenen Regelungen zum Umgang mit Interessenkonflikten definiert die Leopoldina „zwingende Ausschlussgründe“ wenn „eigene finanzielle Interessen […] durch die Beratungstätigkeit der Leopoldina berührt sind. Bei Vorliegen eines zwingenden Ausschlussgrundes ist die Mitwirkung dieser Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der konkreten Beratungstätigkeit ohne Ausnahmemöglichkeit ausgeschlossen.„[2] Wir hatten der Leopoldina deshalb folgende Fragen gestellt:
- Wie ist „finanzielles Interesse“ als relativer/zwingender Ausschlußgrund konkret definiert? Gibt es eine Untergrenze?
- Wer hat warum entschieden, dass bei den genannten Autoren kein relativer oder zwingender Ausschlußgrund vorlag?
Bis zum heutigen Tag konnte uns der zuständige stellvertretende Abteilungsleiter diese Fragen nicht schlüssig beantworten – obgleich die Antwort einfach erscheint.
Fazit: Es ist erschreckend, wenn selbst renommierte medizinische Journals und Institutionen grundlegende wissenschaftliche Standards ignorieren und dadurch gerade bei relevanten Fragestellungen keine methodisch hochwertigen Antworten liefern können. Durch unregulierte, teils schwere Interessenkonflikte ihrer Experten setzen sie sich damit der Kritik aus, nützliche Idioten einer mächtigen Pharmaindustrie zu sein.
Quellen für The Lancet:
[1] https://www.thelancet.com/commissions-do/clinical-obesity
[2] Guidelines International Network: Principles for Disclosure of Interests and Management of Conflicts in Guidelines, 2015
[3] Institute of Medicine, Clinical Practice Guidelines We Can Trust, 2011](https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK209537/)
[4] https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(03)12184-8/abstract
Basierend auf den Transparenzangaben der Lancet Diabetes & Endocrinology Commission (März 2025) zur „Definition and diagnostic criteria of clinical obesity“:
| Kategorie | Anzahl Autoren | Hinweise |
|---|---|---|
| Gelder von Pharmaunternehmen mit Adipositasbezug | ca. 40 von 56 | Forschungszuschüsse, Beratungs- oder Vortragshonorare von Unternehmen wie Novo Nordisk, Eli Lilly, Boehringer Ingelheim, AstraZeneca, Pfizer, Amgen, Medtronic, Johnson & Johnson, Sanofi, MSD/Merck, Novartis, Rhythm Pharmaceuticals u. a. |
| Mitgliedschaft in Advisory Boards von Pharmafirmen mit Adipositasbezug | ca. 32 von 56 | U. a. Novo Nordisk, Eli Lilly, Boehringer Ingelheim, AstraZeneca, Pfizer, Medtronic, Johnson & Johnson, Rhythm Pharmaceuticals, Sanofi, MSD, Novartis, Amgen, Abbott, Takeda, Daiichi Sankyo, Zealand Pharma, Altimmune, Regeneron, Alnylam, Carmot/Roche, Fractyl, GI Dynamics, Allurion, Gelesis, Glyscend, Kallyope, Neurogastrx, Structure Therapeutics, Invversago, Epitomee, Gila, Keyron, Persona, Mediflix, Currax, Herbalife, USV, Lupin, Eurodrug, iNova, Adamed, Promed, Bausch Health, AstraZeneca, Abbott Nutrition, Nestlé Health Science, Reshape Lifescience, Taisho, Mitsubishi Tanabe, Teijin, Sumitomo, Nippon Boehringer, ELPEN, Pharmaserve–Lilly, Energesis, Amway, Kintai, YSOPIA, CINFINA, Optum Health, Perspectum, Sidekick Health, Xeno Biosciences, Beyond BMI |
| Aktienbesitz oder Anstellung bei Pharmafirmen mit Adipositasbezug | ca. 6–8 von 56 | Dazu zählen z. B. direkte Aktienbesitzverhältnisse, Anstellungen oder Führungspositionen in Unternehmen wie Rhythm Pharmaceuticals, Fractyl, GI Dynamics, Allurion, Gelesis, Beyond BMI, Neurogastrx, Kallyope, Glyscend, Structure Therapeutics, Carmot/Roche, Invversago, Epitomee, Gila, Keyron, Mediflix, Currax, Reshape Lifescience, Optum Health, Perspectum, Sidekick Health, Xeno Biosciences sowie teilweise Beteiligungen an Start-ups oder Beratungsfirmen im Adipositas-/Diabetes-Bereich |
| Keine anmeldepflichtigen Interessenkonflikte | ca. 10–12 von 56 | Laut Originalpublikation keine deklarierten finanziellen Beziehungen zu relevanten Unternehmen |
Quellen für die Leopoldina:
Beispiel Autor 1: Prof. Dr. Michael Roden ML:
„Michael Roden has participated in consulting for and/or scientific advisory boards of BMS, Boehringer Ingelheim Pharma, Echosens, Eli Lilly, Madrigal, MSD, Novo Nordisk, as well as in clinical trials supported by Boehringer Ingelheim, Novo Nordisk, and Nutricia/Danone.“
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38851997/
Beispiel Autor 2: Prof. Dr. med. Dr. h.c. Matthias H. Tschöp ML:
„MHT declares participation in a scientific advisory board meeting of ERX Pharmaceuticals (Cambridge, MA, USA) in 2019; was a member of the Research Cluster Advisory Panel of the Novo Nordisk Foundation between 2017 and 2019; funding for research projects from Novo Nordisk (2016–20) and Sanofi-Aventis (2012–19); consulted twice for Boehringer Ingelheim (2020 and 2021); delivered scientific lectures for Sanofi-Aventis (2020), Boehringer Ingelheim (2024), and AstraZeneca (2024); is cofounder of the biotech startups Ghrelco and Bluewater Biotech (2024); is chief executive officer and chief scientific officer of Helmholtz Munich, and is co-responsible for countless collaborations of the employees with a multitude of companies and institutions worldwide (in this capacity, discusses potential projects with and signs contracts for the centres institutes related to research collaborations worldwide, including, but not limited to, pharmaceutical corporations such as Boehringer Ingelheim, Novo Nordisk, Roche Diagnostics, Arbormed, Eli Lilly, and SCG Cell Therapy, and as chief scientific officer is responsible for commercial technology transfer activities); and is a former member of the scientific advisory board of ERX, which is developing the drug celastrol, but has no current competing interests.“
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39824205/
Beispiel Autor 3: Prof. Dr. M. Blüher:
„MB received honoraria as a consultant and speaker from Amgen, AstraZeneca, Bayer, Boehringer-Ingelheim, Daiichi-Sankyo, Lilly, Novo Nordisk, Novartis, Pfizer and Sanofi.“
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40024571/
Beispiel Autor 4 : Prof. Dr. med. Antje Körner:
„Antje Körner received advisory board and speaker honorarium from Novo Nordisk.“
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/oby.23808
Quellen:
1. „Leopoldina FOKUS: Prävention stärken & neue Therapieansätze nutzen:
Wie lässt sich die Adipositas-Epidemie eindämmen?“, 5.1.2026
https://www.leopoldina.org/fileadmin/Daten/Publikationen/Dokumente/2026_Leopoldina_FOKUS_Adipositas.pdf
2.“Regeln für den Umgang mit Interessenkonflikten in der wissenschaftsbasierten
Beratungstätigkeit der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina“
https://www.leopoldina.org/fileadmin/user_upload/Dokumente/2021_Leopoldina_Regeln_f%C3%BCr_den_Umgang_mit_Interessenkonflikten.pdf