Pressemitteilung 14.12.2015: Start von Leitlinienwatch, dem Transparenzportal für Medizinische Behandlungsleitlinien

Medizinische Behandlungsleitlinien sollen Ärztinnen und Ärzten helfen, die bestmöglichen Entscheidungen zur Versorgung ihrer PatientInnen zu treffen. AutorInnen medizinischer Leitlinien müssen nicht nur fachlich kompetent, sondern auch fachlich unabhängig sein, um abgewogene Empfehlungen zu erarbeiten. Viele LeitlinienautorInnen sind jedoch mit den Herstellern der zu bewertenden Medikamente und Produkte durch Beraterverträge und bezahlte Vorträge verbunden. Dadurch entstehen Interessenkonflikte mit dem Risiko, dass die meist teuren und oft noch unzureichend erforschten neuen Medikamente dieser Hersteller bevorzugt empfohlen werden. Seit Mai dieses Jahres haben mehr als 1.200 Ärztinnen und Ärzte sowie mehrere ärztliche Organisationen den Appell für unabhängige Leitlinien unterzeichnet (www.neurologyfirst.de/appell). Nun geht die Website www.leitlinienwatch.de ans Netz, die ebenso wie der Appell von MEZIS, NeurologyFirst und Transparency Deutschland initiiert wurde. Unser Ziel ist es, den Einfluss von Interessenkonflikten auf medizinische Behandlungsleitlinien zu reduzieren.

Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) hat bereits im April 2010 Empfehlungen zur Regulierung von Interessenkonflikten verabschiedet, die neben der Offenlegung auch die Enthaltung befangener AutorInnen empfehlen. Die wissenschaftliche Evaluation deutscher Behandlungsleitlinien belegt zwar eine ausreichende Transparenz, jedoch eine bislang unzureichende Regulierung von Interessenkonflikten. In der internationalen Diskussion kristallisieren sich fünf Prinzipien auf dem Weg zur Unabhängigkeit heraus:

1.       Offenlegung der Interessenkonflikte und deren unabhängige Bewertung,

2.       plurale Zusammensetzung und Unabhängigkeit der AutorInnen,

3.       Unabhängigkeit insbesondere der federführenden AutorInnen,

4.       Enthaltung befangener AutorInnen von Beratungen und Abstimmungen,

5.       Beratung des Leitlinienentwurfs durch Fachöffentlichkeit und Patienten.

Leitlinienwatch bewertet Leitlinien mit einem Punktesystem nach diesen fünf Kriterien. Zudem gibt es Bonuspunkte für andere sinnvolle Maßnahmen, beispielsweise die planvolle Rekrutierung unabhängiger AutorInnen oder die offene Diskussion von Interessenkonflikten und ihrer Konsequenzen in der Leitliniengruppe. Die Punkte führen zu einer abschließenden Bewertung mit einer grünen, gelben oder roten Ampel. Mit www.leitlinienwatch.de wollen wir Transparenz über den aktuellen Stand der Interessenkonflikt-Regulierung bei Leitlinien herstellen, positive Beispiele für einen angemessenen Umgang mit Interessenkonflikten sichtbar machen und den Fachgesellschaften ein konstruktives Feedback mit Verbesserungsvorschlägen geben. Jede Leitlinie wird von zwei AutorInnen bewertet. Davon ist mindestens einer Arzt oder Ärztin und mindestens einer/eine unabhängig von den beteiligten Fachgesellschaften. Wenn eine neue Bewertung auf Leitlinienwatch erscheint, benachrichtigen wir die Fachgesellschaft und den Koordinator der Leitlinie, die dann eine eigene Bewertung oder einen Kommentar auf Leitlinienwatch veröffentlichen können.

Zum Projektstart erklärt Dr. Niklas Schurig, Vertreter von MEZIS und Arzt für Allgemeinmedizin in Rastatt: „Als häufiger Nutzer von Leitlinien möchte ich wissen, ob im Einzelfall das Risiko einer Industriebeeinflussung besteht oder nicht. Natürlich entscheiden auch viele andere Faktoren über die Qualität einer Leitlinie, aber die Unabhängigkeit ist unverzichtbar.“

Prof. Thomas Lempert, Mitglied der Initiative NeurologyFirst und Neurologe in Berlin, ergänzt: „Leitlinien müssen im Interesse von Patienten und Ärzten kompetent und vertrauenswürdig sein. Schon der Verdacht eines Einflusses der Industrie auf die Behandlungsempfehlungen ist schädlich. Deshalb brauchen wir klare Regeln zum Umgang mit Interessenkonflikten.“

Dr. Angela Spelsberg von Transparency Deutschland, Ärztin im Tumorzentrum Aachen:  „In manchen Fachgebieten der Medizin hat fast die gesamte Führungselite finanzielle Verbindungen zur Industrie. Ärzte in der Leitlinienarbeit sollten jedoch von vorneherein unabhängig sein oder ihre finanziellen Verbindungen zur Industrie lösen.“

 

Pressekontakt:

Dr. Niklas Schurig, Rastatt    Prof. Thomas Lempert, Berlin                          Dr. Angela Spelsberg, Aachen

MEZIS                                          NeurologyFirst                                                        Transparency Deutschland

schurig@mezis.de                  thomas.lempert@schlosspark-klinik.de       spelsberg@tuzac.de

 

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