Exkurs: Anspruch und Wirklichkeit von CME-zertifizierten Fortbildungen

Ärzte und Ärztinnen müssen CME-Punkte fortlaufend durch den Besuch von CME-Fortbildungen erwerben, um von der Kassenärztlichen Vereinigung zur Patientenversorgung zugelassen zu bleiben. Gleichzeitig ist die Organisation von ärztlichen Fortbildungen aufwendig und kostet Geld. Genau in diese Bresche springen die pharmazeutischen Unternehmen um ihre Produkte zu vermarkten: Sie bieten den mit der Fortbildung Beauftragten ein Rundum-Sorglos-Paket mit Referent, Räumlichkeiten und Einladungsflyern – umsonst.

Umsonst ist es natürlich nur für die ÄrztInnen, denn alle anderen zahlen drauf: Krankenkassen und damit Versicherte, weil die Arzneimittelpreise trotz aller Anstrengungen weiterhin explodieren, PatientInnen, die unnötigerweise wenig erforschte Medikamente von den ÄrztInnen verordnet bekommen, Skandale wie Lipobay und Vioxx und viele weitere zeigen dieses tödlich-effektive Marketing.

Die Studienlage zur Pharma-Finanzierung von CME-Fortbildungen ist gut, ein paar Beispiele:

  • Die dabei entstehenden Kontakte zwischen ÄrztInnen und Konzernen erhöhen zudem die Wahrscheinlichkeit, dass sich ÄrztInnen für eine Aufnahme der Medikamente der entsprechenden Hersteller in die Arzneimittellisten der Kliniken einsetzen (Quelle: [1] [2]).
  • Die Exposition von ÄrztInnen gegenüber pharma-finanzierten Referenten war in Studien positiv assoziiert mit dem Lernen und Verbreiten vermehrt unzutreffender Information über das beworbene Produkt und Konkurrenzprodukte. Dabei war es nicht relevant, ob die TeilnehmerInnen von den Beziehungen zur Industrie des ReferentInnen wußten oder nicht (Quelle: [3] [4]).
  • Gesponserte CME-Fortbildungen sind anfälliger für eine verzerrte Darstellung des Medikaments des Sponsors und  beeinflussen das Verschreibungsverhalten der so fortgebildeten ÄrztInnen (Quelle: [5])

MEZIS fordert deshalb, dass pharma-finanzierte Fortbildungen nicht mehr CME-zertifiziert werden dürfen.

Die Zertifizierung der CME-Fortbildungen und ihrer Inhalte obliegt den Landesärztekammern, diese wiederum sollen nach folgenden rechtlichen Grundlagen zertifizieren:

Einige Auszüge hieraus mit Anmerkungen:

MB0 §32.3: „Die Annahme von Beiträgen Dritter zur Durchführung von Veranstaltungen (Sponsoring) ist ausschließlich für die Finanzierung des wissenschaftlichen Programms ärztlicher Fortbildungsveranstaltungen und nur in angemessenem Umfang erlaubt. Das Sponsoring, dessen Bedingungen und Umfang sind bei der Ankündigung und Durchführung der Veranstaltung offen zu legen.“

Kritikwürdig ist, dass „angemessen“ nicht definiert wird. Fortbildungsveranstaltungen die fünfstellige Summen kosten sollen, sind nach unser Ansicht nicht angemessen. Hier muß zudem von einer verdeckten Quersubventionierung ausgegangen werden. Auch der 2. Satz wird weiterhin meist ignoriert: so ist aus den meisten Einladungen weiterhin nicht ersichtlich, wieviel Geld für was bezahlt wird. Meist wird eine Gesamtsumme für „die Nennung in der Einladung und einen Produktstand“ angegeben, Honorare für Referenten finden sich hingegen äußerst selten, wären aber aufschlußreich.

MFO §8.3: „Interessenkonflikte des Veranstalters, der wissenschaftlichen Leitung und der Referentinnen und Referenten müssen gegenüber den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Fortbildungsmaßnahme offengelegt werden.“

Auch diese Voraussetzung für die Zertifizierung wird weiterhin weitläufig ignoriert und leider auch von der Ärztekammern nicht geahndet.

BÄK-Empfehlungern zur ärztlichen Fortbildung, Punkt 6: „Ein Sponsor darf weder direkt noch indirekt (z. B. über den Veranstalter oder wissenschaftlichen Leiter) die fachliche Programmgestaltung, die Referentenauswahl oder die Fortbildungsinhalte beeinflussen.“
 
Ein Blick in den Verstoßmelder-Blog zeigt hierfür unrühmliche Beispiele.
 
BÄK-Empfehlungern zur ärztlichen Fortbildung, Punkt 8: Produktbezogene Informationsveranstaltungen insbesondere von Unternehmen der pharmazeutischen Industrie, von Medizinprodukteherstellern, von Unternehmen vergleichbarer Art oder einer Vereinigung solcher Unternehmen sind nicht als frei von wirtschaftlichen Interessen zu bewerten und daher nicht anerkennungsfähig.“
 
Würde diese Empfehlung bundesweit durchgesetzt, wäre nach Schätzung des Autors die Mehrzahl aller verordnungsrelevanten CME-Fortbildungen in der BRD nicht mehr zertifizierungsfähig, Beispiel.
 
Fazit: Die Grundlagen für eine objektive CME-Zertifizierung wären eigentlich gegeben. Die Ärztekammern kommen jedoch bislang ihrer Zertifizierungsaufgabe nicht ausreichend nach. Ob das an der großen Zahl der Veranstaltungen liegt, vielleicht auch Angst vor Regressen gegenüber der Ärztekammern durch die Veranstalter eine Rolle spielt, ist unklar. Fakt ist, das die mangelnde Güte der Zertifizierung das „CME-Siegel“ nachhaltig beschädigt hat. Eine Möglichkeit wäre, dass die Ärztekammern diese (vielleicht inzwischen zu) große Aufgabe an einen qualitätsgesicherten, vertrauenswürdigen externen Dienstleister wie den TÜV übergeben würden. Denn die Monopolstellung der Ärztekammern als alleinigen Zertifizierern in einem Multimillionen-Markt hat bereits das Kartellamt auf den Plan gerufen und durch die aktuell laufenden TTIP-Verhandlungen und die dort auch angestrebten Liberalisierungen in diesem Bereich, stehen große europäische und amerikanische Dienstleister und Wissenschaftsverlage bereit, in diesem Markt zunehmend Fuß zu fassen.