MEZIS-Fachtagung: Auf dem Weg zur nachhaltigen Arzneimitteltherapie – auch Apotheken im Fokus
von Tim Inhoff von Pharmacists for Future (Ph4)
In sehr herzlicher Atmosphäre begrüßte die Initiative MEZIS („Mein Essen zahl ich selbst“) am Samstagmorgen, den 14.03.2026, ihre Gäste in der Universität Göttingen. Wie der Name der Ärzt*inneninitiative vermuten ließ, wurde hier nicht vordergründig zum Brunchen eingeladen. Dennoch war für das leibliche Wohl gesorgt, sodass alle gestärkt und mit viel Energie in die Diskussionen starten konnten. Das Thema „Arzneimitteltherapie mit Zukunft“ l
ieß bereits erahnen, dass es sowohl politisch als auch naturwissenschaftlich werden würde und auch für uns Pharmazeut*innen sehr spannend sein dürfte.
Den Auftakt machte Ella Feldmann von der BUKO-Pharmakampagne aus Bielefeld, die digital zugeschaltet war. Ihr Inputvortrag „Arzneimittel und Umwelt“ vermittelte anschaulich die Umwelt- und Gesundheitsgefahren, die durch die globale Arzneimittelproduktion und deren Einsatz entstanden. Gleichzeitig zeigte sie Positivbeispiele und Lösungsansätze auf, wie diesem Spannungsfeld begegnet werden konnte. Als besonders einprägsames Beispiel nannte sie einen Ansatz aus Schweden: Dort war vor der Abgabe von, auch hierzulande kritisch betrachteten, Diclofenac-Gelen eine verpflichtende Aufklärung über deren oft begrenzte therapeutische Wirksamkeit sowie über ihre erheblichen Umweltfolgen verpflichtend.
Feldmann war nicht die Einzige, die an diesem Tag eine Entkopplung von Packungspauschale und Apothekenhonorar sowie eine stärkere Förderung pharmazeutischer Dienstleistungen forderte. In der anschließenden lebhaften Diskussion wurde dieser Punkt aufgegriffen und weitergeführt. Der Tenor war eindeutig: Auch Apotheken mussten stärker einbezogen werden. Es brauchte mehr Gesundheitsangebote, die nicht primär auf dem Verkauf von Produkten beruhen, sondern mehr (auch finanzielle) Wertschätzung für Prävention, Deprescribing und Anreize für nichtmedikamentöse Therapien.
Für den nächsten Vortrag war Dorothea Baltruks nach Göttingen gekommen. Sie leitet den Think Tank “Center for Planetary Health Policy” (CPHP) in Berlin. Gemeinsam mit Max Bürck-Gemassmer, Allgemeinmediziner und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG e. V.), beleuchtete sie die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Arzneimittelversorgung.
Baltruks erläuterte, dass es entlang des gesamten Lebenszyklus von Arzneimitteln zahlreiche Ansatzpunkte gibt – von der Entwicklung und Produktion über den Vertrieb und die Anwendung bis hin zur Entsorgung. Entscheidend sei dabei, dass politische Maßnahmen im Verlauf ihrer Umsetzung nicht an Wirkung verlieren. Als Beispiel nannte sie das Lieferkettengesetz, das grundsätzlich ein “scharfes Schwert” gegen Missstände im globalen Pharmamarkt sein könnte, aber zunehmend aufgeweicht wurde.
Gleichzeitig verwies sie auf positive Entwicklungen. So hatte das Verwaltungsgericht Köln in einem Präzedenzfall geurteilt, dass Herstellerdaten aus dem Environmental Risk Assessment (ERA) besser zugänglich gemacht werden müssen.1 Zudem beginnen erste Krankenkassen, Nachhaltigkeitsstrategien aus Eigeninteresse in Rabattvertragsverhandlungen zu berücksichtigen. Auch nationale Produktionsanreize im Rahmen des EU Critical Medicines Act können Synergien schaffen, indem sie sowohl höhere Umweltstandards als auch die Versorgungssicherheit fördern.
Als zentrale Ziele nannte Baltruks die bessere Verfügbarkeit von Informationen über Umweltschäden durch OTC-Produkte sowie ein konsequentes Vorgehen gegen Greenwashing. Darüber hinaus seien Emissionsreduktionen entlang der Lieferketten und der Aufbau geeigneter Arzneimittel-Sammelsysteme notwendig. Gerade hierbei könnte das bestehende Netz an Vor-Ort-Apotheken eine wichtige Rolle spielen.
Clemens Woitaske-Proske, Apotheker und Wissenschaftler an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, schlug mit seinem Vortrag über digitale Entscheidungshilfen eine Brücke zur praktischen Versorgung. Solche Systeme können Behandelnde bei der Auswahl geeigneter Th
erapien unterstützen und dabei auch Umweltaspekte berücksichtigen. Allerdings zeigte er deutlich die strukturellen Defizite in Deutschland auf: Es fehlt nicht nur an entsprechenden Entscheidungshilfen mit Umweltdaten, sondern auch schlicht an Zeit, diese bei der Behandlung von Patient*innen im Praxisalltag adäquat zu berücksichtigen.
Mit durchschnittlich 7,6 Minuten pro Patientin landet Deutschland weltweit gerade so im Mittelfeld, abgeschlagen hinter den meisten anderen europäischen Ländern. Mehr Zeit im Austausch für Patient*innen mit ihren Ärzt*innen reduziert die Anzahl von Verordnungen insbesondere im Bereich der Antibiotika, wie eine Studie aus den USA zeigt.2 Es ist anzunehmen, dass unnötige, falsche oder unklare Verordnungen damit verhindert werden könnten – und somit nicht nur die Kosten für unnötige Therapien, sondern auch mögliche Folgekosten wie Krankenhauseinweisungen.
Anmerkung: Nach einer kleinen Anfrage im Bundestag von 2018 könnten jährlich schätzungsweise 250.000 Krankenhauseinweisungen auf vermeidbare Medikationsfehler zurückgeführt werden.
Besonders interessant war auch der Verweis auf das schwedische Välvald-Siegel, das Verbraucher*innen mehr Transparenz über Arzneimittel im Sinne der Nachhaltigkeit diverser Pharmaunternehmen bietet. Darüber hinaus stellte Woitaske-Proske etablierte Arzneimittelindizes aus dem Ausland vor, etwa die „Wise List“ aus Schweden, und hob deren hohe Akzeptanz sowie nachweislich positive Effekte hervor. Schwedische Daten (Socialstyrelsen.se) zeigen beispielsweise, dass sich seit Einführung entsprechender Entscheidungshilfen die Verordnungen von Diclofenac zugunsten von Naproxen verschoben haben.
Als Ausblick präsentierte er ein mit Partnern entwickeltes und vom Umweltbundesamt gefördertes Projekt, das eine EU-weite Entscheidungshilfe auf Basis von ERA-Daten entwickeln sollte und somit Ärz*tinnen und Apotheker*innen helfen sollte, auch Umweltaspekte in ihre Verschreibungs- und Abgabepraxis zu integrieren.
Nach einer kurzen Pause verteilten sich die Teilnehmenden auf drei World-Cafés. Dort diskutierten sie, welche Rahmenbedingungen notwendig wären, um die Arzneimittelversorgung nachhaltiger zu gestalten, wie Verbraucher*innen besser sensibilisiert werden könnten und wie sich entsprechende Ansätze konkret in die ärztliche und apothekerliche Praxis integrieren ließen.
Unter der Moderation von Dorothea Baltruks wurden beispielsweise zahlreiche Vorschläge erarbeitet. Dazu gehören transparente Nachhaltigkeitskriterien, die Förderung von Deprescribing und nichtmedikamentösen Therapien sowie eine bessere Vergütung von Präventionsmaßnahmen, auch für Apotheken. Ebenso wurde ein Benchmarking des Verschreibungsprozesses angeregt.
Um Patient*innen und Verbraucher*innen stärker einzubeziehen, wurden insbesondere mehr Aufklärung und Gesundheitsbildung sowie eine bessere Vernetzung im Gesundheitswesen gefordert. Ziel ist es, eine konsistente und klare Botschaft zum Zusammenhang zwischen Umwelt und Gesundheit zu vermitteln.
Für die praktische Umsetzung wurde unter anderem empfohlen, den Austausch mit umliegenden Apotheken zu intensivieren, um die interprofessionelle Zusammenarbeit, etwa bei Medikationsanalysen und Deprescribing, zu stärken. Auch gemeinsame Strategien für eine umweltsensible Beratung, beispielsweise auf Basis von Materialien des Umweltbundesamtes, werden als sinnvoll erachtet.
Darüber hinaus lohnte sich ein kritischer Blick auf die eigene Verordnungspraxis. Bereits die Analyse der zehn am häufigsten verordneten Arzneimittel könnten einen erheblichen Beitrag zur Reduktion des ökologischen Fußabdrucks leisten. Ergänzend wurde dazu aufgerufen, sich verstärkt für Weiterbildungsangebote in diesem Bereich einzusetz
en und die Leitlinientreue zu erhöhen.
Zum Ausklang der intensiven Fachtagung hielt Dr. Niklas Schurig eine pointierte und zugleich unterhaltsame Laudatio auf den diesjährigen Preisträger des „Goldenen Zäpfchens“ – ein Negativpreis, den die unbestechlichen Ärzt*innen alle zwei Jahre an einen Akteur verleihen, der durch ein „besonders dreistes und gewinnbringendes Beispiel von Einflussnahme im Gesundheitswesen“ die Jury überzeugt.
1) https://nrwe.justiz.nrw.de/ovgs/vg_koeln/j2023/13_K_5068_18_Urteil_20230713.html (abgerufen am 01.04.2026)
2) Neprash HT, Mulcahy JF, Cross DA, Gaugler JE, Golberstein E, Ganguli I. Association of Primary Care Visit Length With Potentially Inappropriate Prescribing. JAMA Health Forum. 2023 Mar 3;4(3):e230052. doi: 10.1001/jamahealthforum.2023.0052. PMID: 36897582; PMCID: PMC10249052.
KlimaUndGesundheit, MedikamenteUndUmwelt, medizinsche Entscheidungshilfen, MEZIS Fachtagung